Gewordensein und Werden

Da ist in uns etwas von großer Würde, das uns selbst womöglich noch gar nicht in seinem ganzen Umfang bekannt ist.

 

Wir sind die Menschen, die wir geworden sind. Und wir bleiben im Werden.

 

In uns lebt etwas, das noch Gestalt annehmen kann. Manches davon ist längst spürbar. Anderes zeigt sich nur für einen Augenblick: in einer Sehnsucht, einer Unruhe, einem Bild, einem Satz, einer überraschenden Gewissheit. Manches hat vielleicht lange darauf gewartet, überhaupt wahrgenommen zu werden.




 Wie wäre es, jetzt einen Moment dem nachzuspüren, was in dir anklingt?

 

 

Ist da ein Ja? Ein Widerstand? Etwas, das dich berührt? Oder etwas, das dir fremd bleibt oder das du noch nicht verstehst?

 

Du musst daraus noch nichts machen.

 

Was davon zu dir gehört und was in dir wahr ist, zeigt sich vielleicht erst nach und nach.

 

Es braucht Wahrnehmen. Und es braucht Unterscheiden.

 



 

 

Denn nicht alles, was sich in uns regt, weist in dieselbe Richtung. Da sind Erfahrungen, Prägungen und Erwartungen. Ängste und Gewohnheiten. Bilder davon, wer wir sein sollten. Und daneben vielleicht etwas Leiseres, das sich nicht so leicht erklären lässt und dennoch eine eigentümliche Stimmigkeit besitzt.

 

Dem Eigenen näherzukommen, braucht manchmal Zeit.

 

 

Kein gerader Weg. Keine Leiter, auf der eine Stufe nach der anderen genommen werden müsste. Wir bewegen uns vor und zurück, manchmal auch seitwärts. Etwas wird deutlich und gerät wieder aus dem Blick. Was lange festgefügt erschien, kann sich lösen. Was kaum wahrnehmbar war, kann an Bedeutung gewinnen.

 

Mehr und mehr.

 

Nicht als Forderung, immer besser, konsequenter oder vollkommener zu werden.

 

Eher wie etwas, das heranreift.

 

Reifen lässt sich nicht machen.

 

Wir können aufmerksam werden. Wir können innehalten, unterscheiden, Entscheidungen treffen, etwas wagen, etwas lassen. Wir können Bedingungen schaffen, unter denen das, was in uns lebt, Raum bekommt. Wir können nicht erzwingen, wer wir noch werden.

 

Darin liegt vielleicht eine besondere Würde: dem eigenen Werden nicht gleichgültig gegenüberzustehen – und es zugleich nicht in Besitz zu nehmen.

 

Das kann leicht sein und voller Freude.

 

Und es kann steinig werden.

 

Denn für das zu leben, was in uns wahr ist, kann bedeuten, Vertrautes anders zu sehen. Erwartungen nicht mehr selbstverständlich zu erfüllen. Einer Bewegung zu trauen, deren Gestalt noch nicht feststeht. Manchmal auch auszuhalten, noch nicht zu wissen, wie es weitergeht.

 

 

 

alleseins ist aus Achtung vor diesem Werden entstanden.

 

Nicht aus der Vorstellung, dass ein Mensch verbessert werden müsste. Nicht aus einem fertigen Bild davon, wie ein gelungenes Leben auszusehen hätte.

 

Sondern aus dem Vertrauen, dass es sich lohnt, dem eigenen inneren Erleben Aufmerksamkeit zu geben: wahrzunehmen, was da ist; unterscheiden zu lernen, was trägt; und dem, was Gestalt annehmen möchte, nicht vorschnell den Weg zu verstellen.

 

 



 

Vielleicht braucht ein solcher Weg zunächst gar nicht mehr, sondern etwas anderes.

 

Zeit, in der wir nicht sofort erklären müssen, was mit uns geschieht. Aufmerksamkeit für das, was sich innen regt. Die Bereitschaft, bei einer Frage zu bleiben, ohne schon eine Antwort zu kennen. Stille, in der etwas hörbarer werden kann. Und manchmal ein Gegenüber, mit dem wir anschauen können, was sich zeigt, ohne dass schon feststehen muss, wohin es führt.

Auch zwischen den Wörtern und Sätzen darf Raum bleiben. Raum, in dem wir nachspüren können, was eine Aussage in unserer eigenen Erfahrung berührt.

 

Hilfreich kann sein, immer wieder zurückzukehren: zu einer Wahrnehmung, zu einer Frage, zum eigenen Erleben. Dabei bekommt das, was da ist, Zeit, sich zu zeigen – auch wenn es zunächst vielleicht noch nicht klar hervortritt.

 

Denn Unterscheidung wächst selten im Lärm. Und Reifen braucht Zeit.

 

Manches erschließt sich, wenn uns eine Frage durch den Tag begleitet. Manches wird im Gespräch klarer, weil wir Worte für etwas finden, das bisher nur undeutlich spürbar war. Und manches braucht gar keine Worte, sondern eine Zeit des stillen Sitzens und Wahrnehmens.

 

Das alles kann dem eigenen Werden Raum geben.

Nicht, um aus uns etwas Bestimmtes zu machen.

Sondern um wahrzunehmen, was in uns wahr ist – und zu erkunden, welche Gestalt es in unserem Leben annehmen könnte.